Extensive Landwirtschaft Beispiel Essay

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

1 Definition und geographische Verbreitung der Desertifikation

2 Bodendegradation

3 Bodendegradation und Desertifikation im südlichen Afrika

4 Klassifizierung der Desertifikation

5 Ursachen der Desertifikation
5.1 Klimatische Ursachen
5.2 Anthropogene Ursachen
5.2.1 Ökologisch unsachgemäßer Ackerbau und Entwaldung
5.2.2 Extensive Weidewirtschaft
5.2.3 Bewässerungslandwirtschaft als Desertifikationsursache
5.2.4 Bevölkerungskonzentration
5.3 Der Ursachenkomplex

6 Indikatoren der Desertifikation

7 Das Südliche Afrika
7.1 Raumdefinitionen
7.2 Physisch- Geographische Grundlagen
7.3 Klimatische Grundlagen
7.4 Regionale Beispiele
7.5 Das Trockengebiet der Karoo und Desertifikation in Südafrika
7.5.1 Naturräumliche Gliederung
7.5.2 Die Nutzung der Karoo und ihre Auswirkungen
7.5.3 Trockengebiets-Degradation oder Desertifikation
7.5.4 Zukünftige Maßnahmen
7.6 Degradations- und Desertifikationserscheinungen in Namibia
7.6.1 Naturräumliche Grundlagen
7.6.2 Die Untersuchungsgebiete in Namibia
7.6.2.1 Repräsentatives Bodenprofil 1
7.6.2.2 Repräsentatives Bodenprofil 2
7.6.2.3 Dongabildung im Untersuchungsgebiet 2
7.6.3 Degradation und Desertifikation in Namibia und Maßnahmen zu Bekämpfung

8 Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Früher war mein Feld klein, aber es hat die ganze Familie ernährt. Heute ist mein Feld groß, sehr groß – aber es reicht trotzdem nicht, weil hier nichts mehr richtig wächst.“

(Abdul Rahman, 47, Viehzüchter aus Burkina Faso, zit. in Broschüre der gtz 2006)

Der Viehzüchter Abdul Rahman aus Burkina Faso steht repräsentativ für 250 Millionen Menschen, die direkt von der Desertifikation betroffen sind. Eine weitere Milliarde lebt in gefährdeten Gebieten (gtz:2006:3). Am stärksten betroffen sind alle Trockengebiete der Erde, welche circa 40% der gesamten Landmasse ausmachen. Davon sind drei Viertel direkt von den Auswirkungen der Desertifikation beeinflusst (gtz:2006:3).

Besonders stark trifft es viele Entwicklungsländer, die sich in Trockengebieten der Erde befinden. Auch das ist der Grund, warum besonders diese Räume zu den ärmsten Regionen der Erde zählen. Geographisch betrachtet finden sich Desertifikationsprozesse nicht nur in Afrika sondern auch in Asien, Europa, Australien und Südamerika.

Thema der Arbeit soll dieses Umweltproblem darstellen, welches zum ersten Mal 1977 nach dem Zusam­mentreffen der UN­COD (United Nations Conference on Desertification) in das Blickfeld der Öffentlichkeit rückte. Dabei soll ebenfalls der Zusammenhang zwischen Bodendegradation und der Desertifikation aufgezeigt werden. Die Bodendegradation stellt dabei den natürlichen Prozess dar, welcher über anthropogene Faktoren zur Desertifikation führt. Regionalgeographisch soll ein besonderes Augenmerk auf das südliche Afrika gerichtet werden, welches als räumliches Beispiel ausgewählt wurde, um die Komplexität der Thematik besser zu verdeutlichen. Anhand von zwei Beispielen aus dem südlichen Afrika sollen die komplexen Wechselwirkungen zwischen naturräumlichen Faktoren und menschlichen Eingriffen diskutiert werden.

Zu Beginn wird näher auf die Begriffe der Desertifikation und der Bodendegradation eingegangen und ein kleiner Ausschnitt in die, im südlichen Afrika, ablaufenden Prozesse gewährt. Im Weiteren werden die verschiedenen Ursachen und Prozesse der Desertifikation erläutert. Danach sollen die Indikatoren, anhand derer Desertifikation erkannt werden kann, mithilfe einer Tabelle dargestellt werden. Dem folgt das erste der beiden Beispiele aus dem südlichen Afrika. Anhand dessen wird die Beziehung zwischen Bodendegradation und der Desertifikation deutlich gemacht. Das Bespiel zeigt die Karoo- Region aus Südafrika und deren Ausbreitungsvorgang. Es soll diskutiert werden, ob es sich bei dieser Ausbreitung um einen klimatisch induzierten Prozess oder um einen unter anthropogenem Einfluss ablaufenden Prozess handelt. So soll gezeigt werden, inwiefern von einer Degradation oder von einer Desertifikation gesprochen werden kann und inwieweit klimatischer und anthropogener Einfluss die beiden Prozesse der Bodendegradation und der Desertifikation beeinflussen und antreiben. Im zweiten Bespiel handelt es sich um die Region Namibia. Hier sollen die Bodenprofile anzeigen, inwieweit sich die Degradation und die Desertifikation äußern und unter welchen Einflussgrößen die Böden stehen. Zum Abschluss werden die Degradationsformen und Desertifikationsprozesse in dieser Region genauer untersucht und an einigen Stellen Maßnahmen zum Schutz vor diesen Prozessen erläutert.

1 Definition und geographische Verbreitung der Desertifikation

Der Begriff der Desertifikation stammt aus dem Lateinischen „desertus facere“ (= Wüstmachen, Verwüsten). Als Desertifikation wird der Prozess bezeichnet, bei dem durch anthropogene Einflüsse ein Landschaftswandel in Trockengebieten ausgelöst wird, welcher zur Verwüstung führt. Verursacher der Desertifikation ist der Mensch, obwohl der Desertifikationsprozess durch natürliche Prozesse und die vorherrschenden klimatischen, edaphischen, geologischen und geomorphologischen Bedingungen in den Ökosystemen der Trockenräume verstärkt wird. Durch verschiedene anthropogene Einflüsse wie Ackerbau oder Weidewirtschaft wird der Wasserhaushalt des Bodens gestört. Dies induziert physiko-chemische Veränderungen im Regolith, in der Struktur der Vegetation und der Bodenbedeckung und im Ablauf der natürlichen Abtragungsprozesse und resultiert in einer verstärkten Tendenz zur Desertifikation.

So muss festgehalten werden, dass Desertifikation nicht die Ausbreitung der Wüste bedeutet, sondern vielmehr den Prozess beschreibt, welcher zum Verwüsten der Landschaftsareale führt (Leser et al.:2001:137).

„Desertifikation“ als Begriff ist relativ jung. Aubreville führte ihn 1949 in den wissenschaftlichen Sprachgebrauch ein. Trotzdem hat der Prozess eine lange Geschichte. Schon in der Antike kam es durch falsche Bewässerung zur Versalzung der Böden und somit zu Ernteeinbußen. Dadurch war ein Bewusstsein, dass durch unangepasstes Wirtschaften eine Missernte droht, bereits damals vorhanden. Dies zeigt sich in einem Epos der Sumerer um 2000 vor Christus. Dieses handelt von einem Mann, welcher die mesopotamischen Wälder rodet und somit Unheil über sein Land bringt (Langbein:2006:7-8). Im vierten Jahrhundert v. Chr. schrieb Platon in Attika über die Desertifikation: „Verglichen mit dem. Was es einmal war, ist unser Land wie das Skelett eines Körpers, der von Krankheiten ausgezehrt worden ist.“ (Langbein:2006:8 zit. Nach Sekretariat der UNCCD:1998:14).

Mainguet beschreibt die Desertifikation als Transformation einer Landschaft, welche nicht wüstenartig war, in eine, die es ist. Dabei nennt Sie drei Hauptmerkmale zur Identifikation einer Wüstenlandschaft: aktive Dünenfelder, steinige Böden und Ausdünnung/Zurückbildung der Vegetation (Mainguet:1991:38). Weltweite Beachtung fand der Terminus der Desertifikation erst zur United Nations Conference on Desertification (UNCOD) 1977 in Nairobi, bei der sich zahlreiche Industrie-, aber hauptsächlich Entwicklungsländer trafen, um gemeinsam über das Problem der Desertifikation zu diskutieren. Auslöser für das Treffen waren die Dürrekatastrophen im Sahel zwischen 1968 – 1974. Die UNCCD wurde von 150 Staaten unterzeichnet, welche sich gemeinsam verpflichteten, die Desertifikation zu bekämpfen. Besonders häufig wird im deutschen, entwicklungspolitischen Zusammenhang der Begriff der „Wüstenbildung“ gleichbedeutend mit Desertifikation verwendet, was jedoch inhaltlich nur bedingt zutreffend ist. Der Begriff Desertifikation soll eher den Vorgang des Wüstmachens und dadurch den anthropogenen Einfluss auf das Ökosystem beschreiben (Mensching:1990:1-2). Wüstenbildung hingegen wird hauptsächlich von physischen Faktoren bestimmt und steht damit unter keinem anthropogenen Einfluss. Somit kann zwischen einer physisch angetriebenen Wüstenausbreitung und einer anthropogen verursachten Wüstenausbreitung unterschieden werden.

Weiterhin taucht im Zusammenhang mit der Desertifikation der Begriff der Bodendegradation auf. Dieser beschreibt die Umwandlung des Bodenaufbaus und der -eigenschaften durch eine Änderung des Klimas und den Verlust von typischen Merkmalen eines Bodentyps. Damit verbunden ist häufig eine Veränderung der Bodenfruchtbarkeit und eine Umwandlung der Bodeneigenschaften (Leser et al.:2001:133). So stellt diese Degradation einen Teilprozess der Desertifikation dar. In der Literatur gibt es ein großes Diskussionspotenzial was die Begriffe und Anwendungen von Desertifikation und Degradation betrifft. Die meisten Autoren definieren Desertifikation in Anlehnung an die FAO (FAO:1983 bzw. 1993) als „ Landdegradation in ariden, semi-ariden und subhumiden Gebieten“ (Langbein:2006:8 nach FAO:1983). Andere Autoren sehen den Begriff der Desertifikation als politisch überstrapaziert an (Langbein:2006:8-9). In der vorliegenden Arbeit wird die Definition übernommen, welche durch die UNCCD anerkannt ist und bei der weitaus größeren Autorengruppe Verwendung findet. Außerdem deckt sie ein weitaus größeres Spektrum als anderweitig verwendete Definitionen ab und ist diffus genug um verschiedene Phänomene zusammenzufassen, ohne eine weitere Differenzierung in unterschiedliche Kategorien vornehmen zu müssen.

Zusammenfassend ist die Desertifikation ein Vorgang, welcher unter bestimmten Klimabedingungen, bevorzugt in bewohnten subhumiden und semiariden Zonen seine stärksten Auswirkungen erreicht. Er stellt einen schwerwiegenden ökologischen Degradierungsvorgang dar, welcher die Landnutzungsressourcen dezimiert und lokal bis regional unwiderruflich zerstört. Dadurch ist die Desertifikation für einen großen Abschnitt der Umweltzerstörung in den Tropen und Subtropen verantwortlich (Mensching:1990:2-3).

Besonders stark sind dicht besiedelte Trockengebiete sowie weniger dicht besiedelte, ländlich übernutzte Gebiete betroffen. Die Trockengebiete prägen circa 40% unserer gesamten Landfläche (Williams/Baling:1996:25). Desertifikationsgefährdete Gebiete mit ariden-semi-ariden klimatischen Bedingungen befinden sich in Südamerika, Afrika, Australien, den USA und Zentralasien (Abb. 1). Näher betrachtet umfassen diese Gebiete in Südamerika einen breiten Streifen östlich der Anden und einen schmalen Streifen westlich der Anden, sowie kleinere Abschnitte im östlichen Brasilien, in Kolumbien und in Venezuela. Mexiko ist ebenfalls ein gefährdetes Gebiet, ebenso wie Teile der westlichen USA. In Afrika finden sich Bereiche im Norden, welche von der Atlantikküste bis zum Nil reichen sowie im Süden Afrikas, welches fast komplett gefährdet ist. Im Eurasischen Bereich erstrecken sich die Gebiete von der arabischen Halbinsel bis weit in den asiatischen Kontinent, wo sie bis in den Norden Chinas und Indiens reichen. In Australien ist der komplette Innere Teil der Landoberfläche betroffen (Mensching:1990:7-8).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung1 : Desertifikationsgefährdete Gebiete der Erde (Quelle: GIZ: http://www.desertifikation.de/fakten_ausmass.html)

2. Bodendegradation

Unter dem Begriff der Bodendegradation wird eine Herabsetzung des Bodens in Bezug auf die Zerstörung oder Veränderung der natürlichen Strukturen, Funktionen und Merkmale verstanden. Seinen Ursprung hat der Begriff im lateinischen Verb degridi (herabsetzten/hinab schreiten). Somit definiert sich Degradation wie folgt: „ Degradation von Böden sind zunächst natürliche Prozesse. Durch Verwitterung sowie Zu- und Abfuhr von Stoffen mit Wasser und Luft findet eine ständige Änderung der Böden statt“ (WBGU:1993:69). Diese Prozesse laufen jedoch sehr langsam und in sehr geringem Maße ab, sodass sich Lebewesen des Bodens daran anpassen können. Durch den Anstieg der Weltbevölkerung steigt gleichzeitig die Bodennutzung. Dadurch erfährt der Boden direkt oder indirekt Belastung und wird der Degradation beschleunigt ausgesetzt (WBGU:1993:69). Problem ist außerdem, dass durch das große Puffervermögen der Böden Schäden erst mit starker zeitlicher Verzögerung sichtbar werden. Böden, die geschädigt sind, besitzen nur noch eine eingeschränkte Grundlage für Lebewesen und verlieren häufig an biologischer Vielfalt (Stephan:1998:5-6).

Der Prozess der Bodendegradation soll in der vorliegenden Arbeit anhand von Beispielen näher beschrieben werden. Bei diesen Bespielen handelt es sich um den im südlichen Afrika gelegenen Namib-Kalahari-Karoo Raum. In diesem Gebiet finden sich ökosystemspezifische Probleme, die am besten mit dem Begriff der Land- und Bodendegradation beschrieben werden können (Abbildung 2) (Kempf:1994:163).

Allgemein muss vorweg genommen werden, dass die Böden im südlichen Afrika längenparallel angeordnet sind. Im Westen finden sich graue und rote Wüstenböden, deren Humus- und Mineralien-Gehalt eher gering ist. Durch die fehlende Vegetation ist fast ausschließlich Weidewirtschaft möglich und die Bodendegradation kann durch vorgelagerte Erosionsvorgänge stattfinden. Ausbleibende Niederschläge sorgen dafür, dass sich die Bodenauswaschung einstellt und Gips und Salzkrusten entstehen können (Wiese:1997:55-58). Weiterhin bilden sich durch den Prozess der Lateritisierung, das bedeutet die Abnutzung und den Abbau des an der Bodenoberfläche angereicherten Humus, Krusten, welche die Infiltration von Niederschlagswasser verhindern. Die Krusten bestehen aus zurückgelassenen Eisen- und Aluminiumverbindungen, welche über Trockenphasen verhärten (Manshard:1988:11-12). Die Böden aus dem westlichen Kapland sind humusarme rötliche Böden mit geringer Versauerung (Jürgens/Bähr:2002:67). Ein weiterer Punkt der angeführt werden muss ist die rezente Mobilmachung von Sanden. In den Trockenmonaten kommt es zu Sand- und Staubstürmen, welche weit in den westlichen Teil verlagert werden können. Ursache dafür ist der Viehvertritt durch die Weidenutzung. Durch den Viehtritt werden dünne, an der Oberfläche der Dünen bestehende Bakterienkrusten und Grobsandpflaster zerstört. Dadurch ist es den Winden möglich die darunterliegenden Einzelkorngefüge anzugreifen und zu erodieren. Durch die Erosion an der einen und Akkumulation an einer anderen Stelle wird der Oberbodenhorizont komplett umgelagert und es kann zur Bodendegradation kommen (Kempf:1994:9-10). Bei starkem Niederschlag kommt es durch fehlende Wasseraufnahmekapazität zu oberflächlichem Abfluss und es bilden sich Gullies und Dongas (Schluchten), in denen das Wasser abfließt. Durch weit verbreitete wasserstauende Tonhorizonte und natriumhaltige Kolluvien werden die Donga- Bildungen noch beschleunigt. Diese Prozesse finden sich hauptsächlich im östlichen Südafrika und führen dort zu starker Degradation der Farmflächen (Heine:1988:13).

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Abbildung 2: Ausmaß der Bodendegradation im südlichen Afrika (Quelle: Heine:1998:246)

3 Bodendegradation und Desertifikation im südlichen Afrika

Bevor die Prozesse des südlichen Afrikas näher betrachtet werden, muss etwas zur regionalen Abgrenzung des südlichen Afrikas gesagt werden. In diesem Punkt der Arbeit soll eine kurze räumliche Eingliederung helfen das südliche Afrika besser einordnen zu können. Die Abgrenzung dieser Region erfolgt in der wissenschaftlichen Literatur unterschiedlich. Die genaue Problematik dabei soll in Kapitel 7.1 näher erläutert werden. An dieser Stelle soll festgehalten werden, dass in dieser Arbeit die Region des „südlichen Afrikas“ in die Staaten Botsuana, Lesotho, Swasiland, Namibia und Südafrika (BLSN-Staaten) eingeteilt werden. Ferner ist es in der Literatur auch möglich die Grenze weiter nach Norden zu verschieben und so die Länder Angola, Simbabwe, Sambia, Malawi und Mosambik mit einzubeziehen. Auf Abbildung 2 sind diese Gebiete mit einbezogen. Auf dieser Karte wird das Ausmaß der Bodendegradation im südlichen Afrika noch einmal veranschaulicht. Dennoch sind im weiteren Verlauf der Arbeit, wenn vom südlichen Afrika gesprochen wird, die Region der BLSN- Staaten gemeint. Diese werden auf Abbildung 3 gut dargestellt. Bei dieser Abbildung wird noch einmal auf das Problem der Desertifikation im südlichen Afrika eingegangen und es zeigt die Faktoren, welche den Prozess begünstigen (Jürgens/Bähr:2002:9-10).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Desertifikation und seine Faktoren im südlichen Afrika (Quelle: Klimm et al.:1994:20 nach UNESCO World Map of Desertification 1977)

Die Bodendegradation und Desertifikation zeigen sich im südlichen Afrika in vielerlei Form. Bevor jedoch näher auf einzelne Erscheinungsformen eingegangen werden kann müssen ein paar grundlegende Begriffe erläutert werden. So lässt sich Desertifikation zusammen mit Bodenerosion in das komplexe System der Landschaftsdegradation einordnen, die nach Mäckel 2000 als „ Prozess der Verminderung oder Zerstörung der für die Ernährung des Menschen wichtigen natürlichen Grundlagen auch durch eine nicht standortgerechte Nutzung“ (Mäckel:2000:34) einzuordnen ist. Die Landdegradation lässt sich wiederum in Bodendegradation und Vegetationsdegradation differenzieren. So ist wichtig, dass ein Prozess mit einem anderen Prozess in Verbindung steht und sie Ursache oder Folge eines der oben genannten Prozesse sein können. Als Beispiel für die Vegetationsdegradation im südlichen Afrika kann zum einen die Karoo genannt werden, welche im Kapitel 7 näher betrachtet wird. Außerdem findet sie sich auch besonders deutlich in den Miombo-Trockenwäldern, welche sich als breiter Gürtel von Tansania und dem nördlichen Mosambik über Malawi und Sambia bis nach Angola und Simbabwe erstrecken. So wurden nach Geist 1998 circa 2,1 Millionen Hektar Waldfläche durch Rodungen für den Tabakanbau und den Holzbedarf zerstört. Dadurch wurde Platz für die Erosion durch Wind und Wasser geschaffen, welche wiederum positiv für den Prozess der Desertifikation ist (Jürgens/Bähr:2002:289-290).

Eine weitere Begrifflichkeit ist die der dry-land degradation. Diese unterscheidet sich von der Landdegradation in anderen Klimazonen dadurch, dass Versalzung und Winderosion größeren Einfluss auf die Zerstörung der Böden haben. Dabei liegt die Gefahr in der vollständigen Vegetationszerstörung und in der Ausdehnung wüstenähnlicher Verhältnisse. Dies bedingt wieder die Beschleunigung anderer Degradationsprozesse. So kann die Erosion durch Wind und Wasser verstärkt werden, aber auch, wenn der anthropogene Einfluss da ist, den Prozess der Desertifikation bewirken (Jürgens/Bähr:2002:290-291).

Niederschläge haben ebenfalls einen großen Einfluss auf das südliche Afrika und haben bestimmte Prozesse zur Folge. So kommt es in Jahren mit überdurchschnittlichen Niederschlägen zu einer Ausdehnung des Ackerbaus und der Überbestockung mit Weidevieh in ungeeignete Gebiete. Die Folge ist, dass in Jahren mit einer Dürrephase die Ökosysteme überbeansprucht werden und Degradations- und Desertifikationsprozesse einsetzen (Jürgens/Bähr:2002:291). Dürre beschreibt eine Trockenperiode, die das Ergebnis einer unzureichenden Niederschlagsversorgung während einer Reihe von Jahren ist. Dabei liegen die jährlichen Niederschlagsummen unter den langjährigen Niederschlagsmittelwerten (Mensching:1990:3). Um den Folgen der Dürrejahre entgegenzuwirken und die Degradationsprozesse zu unterbinden, haben sich die Einwohner versucht anzupassen. In Botsuana wurde begonnen das Landnutzungssystem anzupassen. So liegen die Felder in einigen Kilometern Abstand zu ländlichen Siedlungen und sind über ein weites Areal verteilt, damit zumindest einige Felder Niederschläge erhalten. Zum anderen wird verhindert, dass wachsende Siedlungen wichtiges Ackerland zerstören. Ein weiterer Punkt ist die Haltung des Weideviehs. Herden werden in größerem Abstand zu Siedlungen gehalten, damit sie die Felder nicht abweiden können oder es zu Viehvertritt kommt (Krüger et al.:2000:34-36). Besonders deutlich wird jedoch, dass die Beziehung zwischen der Niederschlagsvariabilität und dem Grad an potenziellen Desertifikationsprozessen sehr eng ist (Jürgens/Bähr:2002:293).

Bei den verschiedenen Formen der Landdegradation im südlichen Afrika hat die Bodenerosion die extremsten Folgen (Tabelle 1).

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Tabelle 1: Beispiele für Bodendegradation im südlichen Afrika (Quelle: Adams et al.:1996:329 nach Stocking)

Aber nicht nur der menschliche Eingriff hat große Auswirkungen auf die Abtragung des Bodenmaterials. In Gebirgsräumen gehen die Degradationsprozesse viel schneller vonstatten, da die durch die Steilheit des Reliefs angetrieben werden. So kommt es bei Flächenspülungen nach Starkniederschlägen zur Auswaschung des oberen nähstoffhaltigen Horizonts, zur Bildung von Gullies und Dongas und somit zur Schädigung landwirtschaftlicher Flächen. Die Folge der Gullies ist wiederum ein Verlust an Niederschlagswasser, da es schneller abfließen kann (Jürgens/Bähr:2002:294). Durch Abtragungsprozesse, wie Bodenkriechen, Erdrutsche und Rinnen- und Rillenspülung wird Material über Suspension oder in Lösung über Flüsse oder äolisch verlagert. Nach Schätzungen werden so in Südafrika pro Jahr zwischen 360 und 450 Millionen Tonnen Bodenmaterial abgetragen. Auf einen Hektar gerechnet handelt es sich um 3,5 Tonnen jährlich (Beckedahl:1998:13).

Allgemein ist es schwierig zwischen einem Normalabtrag und der anthropogen verursachten Abtragung zu differenzieren. Historisch betrachtet ist nach Heine 1988 in Südafrika erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und zwischen den Weltkriegen ein Anstieg der Erosion durch eine rasche Ausdehnung der Weide- und Anbaugebiete zu verzeichnen (Heine:1988:13).

Bei der Ursachenforschung wird deutlich, dass die Zerstörung des Landes durch Bodendegradation oder Desertifikation in den meisten Fällen durch Überweidung ausgelöst wird. Im gesamten südlichen Afrika sind etwa 15% (entspricht circa 44 Millionen Hektar) der gesamten Agrarfläche geschädigt. Die Ausdehnung und Übernutzung der Ackerflächen auf marginale Standorte und die Bau- und Brennholzgewinnung sowie weitere Entwaldung sind für weitere 4,8 Millionen Hektar degradierte Fläche verantwortlich (Jürgens/Bähr:2002:296 nach sadec-brief 4/94). Das Problem sind jedoch nicht nur diese vordergründigen Ursachen sondern vielmehr auch die Armut der Bevölkerung, welche sie zwingt das Land und die Fläche zu überbeanspruchen. Dadurch kommt es erst zu einem Kreislauf zwischen physischen und anthropogenen Einflussfaktoren, welche sich gegenseitig bedingen. Außerdem muss die, bei der kolonialen Erschließung großflächige Landaufteilung, mit angeführt werden, welche einen großen Einfluss auf die Übernutzung einzelner Gebiete hat. So sind Erosionsschäden in ehemaligen homelands größer als in „weißen“ Farmgebieten. Dabei handelt es sich jedoch nicht um die Hauptursache der fortschreitenden Degradation. Die vordergründige Ursache ist wahrscheinlich die, vor dem Hintergrund der Apartheid-Politik, veranlasste Verteilung der Agrarsubventionen sowie Benachteiligungen bei den Verfügungsrechten über Ländereien (Jürgens/Bähr:2002:297). So bleibt festzuhalten, dass die Ursachen der Degradation und Desertifikation im südlichen Afrika auch „in einem Netzwerk sozio-politischer Bezüge verankert werden, die von der Handlungslogik auf die Haushaltsebene bis zu übergreifenden wirtschaftlich-politischen Einflussgrößen reichen“ (Geist:1992:287). Diese Punkte sind sehr wichtig, wenn es um die Entwicklung von Gegenmaßnahmen hinsichtlich der Degradation geht. Gegenmaßnahmen werden immer dann keinen Erfolg erzielen oder das Problem nur räumlich verlagern, wenn sie die Lebensgrundlagen der ansässigen Bevölkerung einschränken (Jürgens/Bähr:2002:297). Nach Blaikie 1985 setzt die Bekämpfung der Bodenerosion soziale Veränderungen, im Sinne einer Veränderung der Machtverhältnisse zugunsten unterprivilegierter Gruppen, voraus. Da diese Veränderung kurz- oder mittelfristig nicht möglich ist, wird das Problem der Erosion, Degradation und Desertifikation noch lange Zeit in den Ländern der Dritten Welt vorherrschen (Blaikie:1985:147-149).

[...]

Im Grünland liegen ungenutzte Möglichkeiten für nachhaltige Lebensmittelerzeugung und Klimaschutz

von Anita Idel

 

Während die Weltmeere Dreifünftel unseres Planeten bedecken, wächst auf 40 Prozent der globalen Landfläche, den verbleibenden Zweifünfteln abzüglich der Polregionen, dauerhaft Gras. Dieses so genannte Dauergrünland wächst auf Böden, die sich nicht für den Ackerbau eignen. Landwirte bezeichnen sie als nicht-ackerfähig, weil sie zu nass, zu trocken und/oder zu steil sind. Dennoch zu pflügen provoziert das Risiko, dass die nun nicht mehr durch die Grasnarbe, das Geflecht aus grünen Gräsern und Kräutern sowie deren Wurzeln, geschützten Böden durch Wind oder Wasser erodieren: Fruchtbare Erde wird verweht oder weggeschwemmt und kann dabei an manchen Stellen auch unwiederbringlich verloren gehen. Bei Staunässe würden sich Trecker und Mähdrescher festfahren und selbst wenn nicht, den zu weichen Boden verdichten. Die zunehmenden Starkregenereignisse erhöhen zudem das Risiko, dass fruchtbarer Boden in Hanglagen quasi abschmiert.

 

Auf deutsch sprechen wir von Grünland, während international eher von Grasland die Rede ist. Tatsächlich ist Gras nur dann meistens grün, wenn genügend Wasser vorhanden ist. Je geringer die Verfügbarkeit von Luftfeuchtigkeit, Tau, Regen und Grundwasser in einer Region ist, desto schneller bildet sich das Heu auf dem Halm, das dann schnell seine grüne Farbe verliert. Das Green auf dem Golfplatz heißt rund um den Globus nur deshalb so, weil es täglich gemäht und gewässert wird.

 

Obwohl die weltweite Verbreitung von Grasland gigantisch ist, wird ihm vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit in Forschung und Politik beigemessen. Warum? Vor allem, weil es oberirdisch so langsam wächst. Und was langsam wächst, so die verbreitete Überzeugung unserer Wachstumsgesellschaft, kann nicht sonderlich produktiv sein. Gras, so könnte man die Wahrnehmung umschreiben, entspricht nicht unserer verinnerlichten Vorstellung von wirtschaftlichem Wachstum, so dass diese in der Landwirtschaft inzwischen eher von schnellwachsenden Monokulturen á la Mais geprägt ist nach dem Motto: Mais macht Biomasse – viel und schnell, das sieht jeder.

 

Zwei Aspekte sind der Grund für die große Relevanz des weltweiten Graslandes als Proteinquelle und Kohlenstoff-Speicher: neben der riesigen Flächenausdehnung auch die dritte Dimension – die fruchtbare Erde im Boden. Aber weil sich das CO2 überwiegend dort verborgen und viel weniger in den grünen Grashalmen befindet, ist es naheliegend, dass Wald als viel wesentlicher für die CO2-Speicherung angesehen wird als Grasland. Im Vergleich insbesondere zum (Regen-) Wald, der inzwischen über eine Lobby im Natur- und Umweltschutz verfügt und in internationalen Vereinbarungen geschützt wird, ist das weltweite Grasland rechtlich weitgehend verwaist.

Generell wurde dem Grasland als Futtergrundlage in den letzten Jahrzehnten immer weniger Bedeutung beigemessen. Der Nicht-Wahrnehmung seiner Potenziale liegt ganz entscheidend eine andere Nicht- bzw. Fehlwahrnehmung zugrunde: Die Annahme, Rinder und ihre Verwandten seien schlechte Futterverwerter, wurde seit Ende der 1970er Jahre zunehmend als akademische Erkenntnis in der Ausbildung verbreitet. Dabei wurden Rinder und andere Wiederkäuer nicht an dem gemessen, wofür sie die Jahrtausende lange CoEvolution mit dem Grasland prädestiniert, nämlich dazu, Gras, Heu und Silage in Fleisch und Milch umzusetzen, sondern daran, wie sie Getreide, Mais und Soja verwerten. Das leisten Allesfresser wie Schweine und auch Geflügel vergleichsweise effizienter. Deshalb werden sie in der intensiven Landwirtschaft gar nicht mehr mit Gras gefüttert, so dass Weideschwein und Weidegans inzwischen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere stehen bzw. bereits ausgestorben sind.

 

Weil Rinder nach diesem falschen Maßstab zunehmend als nicht effizient wahrgenommen wurden, galt auch Beweidung als wenig produktiv. In der Folge lag auch die Erforschung der Symbiose aus Weidegras und Weidekuh für nachhaltiges Beweidungsmanagement weitgehend brach. Statt lokal angepasste Systeme gerade auch für die Grünlandnutzung zu erforschen, wurden in den vergangenen Jahrzehnten weltweit zahlreiche Grün- bzw. Grasland-Institute geschlossen oder verkleinert. Viele unter den verbleibenden such(t)en seit dem nach Nutzungen jenseits der Beweidung. Sie forschen an Hochleistungssorten, die besonders viel synthetischen Stickstoffdünger oder Gülle aufnehmen. Dieses Gras wird teilweise gar nicht mehr als Tierfutter, sondern als sogenannter nachwachsender Rohstoff für Agrogasanlagen genutzt. (Der Begriff Agrogas ist angemessener, weil weniger irreführend als der generell mit nachhaltig gleichgesetzte Begriff Biogas.)

  • Grundsätzlich ist eine Zunahme der Humusgehalte in der Reihenfolge Acker – Forst – Grünland zu beobachten: Während unter ackerbaulicher Nutzung die Humusgehalte überwiegend den an Humus ärmeren Klassen h2 – h3 zuzuordnen sind, bewegen sie sich unter forstlicher Nutzung im Bereich h3 – h4 und unter Grünland im Bereich h4 – h5. Auch in den Extremwerten spiegelt sich diese Tendenz wider: Die Humusklasse h1 ist unter Ackernutzung am häufigsten vertreten, die humusreichste Klasse h7 unter Grünland. (1)
  • Gegenüber älteren Waldbeständen, die am Klimax der Humussättigung stehen, sind die Gehalte unter Grünland durch nachhaltige Nutzung noch viel höher anzuheben.
  • Nach Grünlandumbruch gehen 10 bis 60 % des Humusvorrats in den ersten 2 bis 3 Jahren verloren.
  • Maisanbau als vermeintliche Alternative zum Grünland verzehrt jährlich 960 kg Humus je ha. (2)
  • Quellen:
    1) BGR (Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe) 2007: Gehalte an organischer Substanz in Oberböden Deutschlands – Bericht über länderübergreifende Auswertungen von Punktinformationen im FISBo BGR
    2) LWK Rheinland

Indem wir unsere Wahrnehmung landwirtschaftlicher Produktivität auf das Sichtbare und somit die Erntemengen beschränken, machen wir zwangsläufig die Rechnung ohne den Wirt bzw. übersehen den wichtigsten Wirt: die lebendige Erde. Insbesondere wer mehrjährige Gräser im Dauergrünland verstehen will, muss schauen, was im fruchtbaren Boden passiert. Wer aber nur sieht, was man sehen kann, weil es überirdisch wächst, und nicht, was sich gleichzeitig im Boden tut, wird Gras im Vergleich zu Mais automatisch für unproduktiv(er) halten und im wahrsten Sinne des Wortes übersehen, dass die fruchtbare Erde im Boden unter den Mais-Monokulturen schrumpft. (Ein beeindruckendes Beispiel dieser Nicht-Wahrnehmung stammt von einem engagierten Umweltjournalisten, der unlängst nicht die fruchtbare Erde, sondern das Great Barrier Reef nordöstlich von Australien als die „größte von Lebewesen geschaffene Struktur“ bezeichnete.)

 

Denn ob Grüne Revolution oder Gentechnik: Immer mehr wird der irreführende Wachstumsbegriff verbreitet, mit dem nur wahrgenommen wird, was oben auf dem Boden wächst und nicht, was ihm durch Erosion verloren geht. Steigende Ernten allein werden auf unzähligen Grafiken als Fortschritt definiert und sind meist doch nur Beweis für eine traurige Wahrheit: Intensive Landwirtschaft lässt Ressourcen – vor allem die Reserven im Boden – dramatisch schrumpfen.

 

Diese Nicht-Wahrnehmung ist wesentlich dem synthetischen Stickstoffdünger geschuldet, der auf dem Acker ebenso wie auf dem Grünland zum Motor der Landwirtschaft wurde. Die Ignoranz gegenüber natürlicher Bodenfruchtbarkeit ist nur im Kontext der politischen Rahmenbedingungen zu verstehen: Energie war und ist nur billig durch mehrfache Subventionierung sowie Externalisierung von sozialen und ökologischen Kosten, die generell mit der Energiegewinnung verbunden sind, aber erst durch Katastrophen wie die Explosion der Deep Water Horizon im Golf von Mexiko und die Havarie in Fukushima wahrgenommen werden. Der Glaube an die zeitlich unbegrenzte Verfügbarkeit von Energie verdeckt(e) die einzelbetriebliche wie volkswirtschaftliche Abhängigkeit von einem Phantom – ebenso wie Stickstoffdünger Bodenfruchtbarkeit quasi zu ersetzen scheint, sein industrieller Einsatz sie in Wahrheit aber letztlich zerstört.

Somit muss in den Boden schauen, wer die Potenziale von Grasland verstehen will. Die entscheidende Bedeutung als Kohlenstoffspeicher obliegt – oder auch: unterliegt – dem Dauergrünland. Denn nachhaltige Nutzung bewirkt, dass Wurzelmasse angereichert wird. Deren Bedeutung für das Klima liegt darin, dass die Wurzeln von heute quasi der Humus von morgen sind und dieser zu über 50 Gewichtsprozent aus Kohlenstoff besteht. Deshalb entzieht jede zusätzliche Tonne Humus im Boden der Atmosphäre circa 1,8 Tonnen CO2. Entsprechend belastet der Grünlandumbruch die Atmosphäre.

 

Humusbildung braucht Zeit. Während Herden in jahreszeitlichen Rhythmen über sie hinwegzogen, sind über Jahrtausende teilweise meterdicke Schwarzerden entstanden. Sie sorgen für eine möglichst geschlossene Grasbedeckung und verringern dadurch die Erosionsgefahr. Zudem lösen sie einen Impuls aus, der durch Photosynthese und somit die Aufnahme von CO2 aus der Atmosphäre nicht nur das oberirdische Grün, sondern vor allem die unterirdischen Wurzeln wachsen lässt. Damit die Flächen immer wieder regenerieren können, bedarf es nach der Beweidung – je nach Region und Jahreszeit – immer mal wieder einer Pause.

Das Zusammenwirken von Weideland und Weidetieren ist in CoEvolution entstanden und einzigartig. Viel zu Wenigen ist bekannt, dass Existenz und Fortbestand der Wiesen und Weiden von ihrer Nutzung abhängen – davon, dass und wie sie genutzt werden. Ohne Nutzung bzw. durch Unternutzung geht Grasland ebenso verloren wie durch Übernutzung. Denn je nach Wasserverfügbarkeit verbuschen oder verwalden die ungenutzten Grasflächen, da die vergleichsweise kleinen Gräser in der Konkurrenz um Nährstoffe und Licht nach und nach unterliegen. Damit geht Gras als Futtergrundlage dauerhaft verloren und das Erosionsrisiko nimmt zu. Deshalb ist es keine Lösung, Graser von überweideten Flächen dauerhaft fernzuhalten. Deshalb irrte der Journalist Jeremy Rifkin, als er Rinder mit Heuschrecken gleichsetzte und Anfang der 1990er Jahre auf eine Perspektive „jenseits der Rinderkultur“ hoffte.

 

Nachhaltige Wanderweidewirtschaft entspricht am meisten dem Bedarf der in CoEvolution entstandenen weltweiten Graslandschaften. Sie ist – obwohl benachteiligt und in den Industrieländern bereits seit Jahrzehnten totgesagt – nicht nur eine alte, sondern eine weiterhin verbreitete Form der Landnutzung. Knapp 6892 Millionen Menschen leben auf der Erde, circa 800 Millionen davon sind Angehörige von Hirtenvölkern. Insbesondere in Zeiten des Klimawandels erweist sich deren Mobilität als überlebenswichtig: Denn die damit verbundene Flexibilität ermöglicht ihnen, auch kurzfristig reagieren und den Ort oder sogar die Region gegebenenfalls mitsamt der Habe verlassen zu können. Allein in Afrika werden 40 Pro-zent der Landfläche von Grasnutzern, den Pastoralisten, genutzt. Das englische Wort pasture für Grasland macht deutlich, warum der gute Hirte bei uns Pastor heißt. Letztlich wandern Pastoralisten mit den Herden dem Futter hinterher – in Afrika suchen sie während der Trockenzeit Weidegründe in entfernteren Regionen auf, in asiatischen Steppen ziehen sie während des Sommers in Höhenlagen, deren Böden im Winter tief gefroren und verschneit sind. Seit grasende Wildtiere nach Zahl und Art aus den meisten Steppenregionen verdrängt worden sind, haben nur Pastoralisten das Potenzial, diese Ressourcen für die Welternährung auf regionaler Ebene durch nachhaltige Nutzung zu erhalten.

Das Problem sind nicht die Rinder; sondern das immer industrialisiertere Agrarsystem. Was wir brauchen, ist eine Rinderkultur, die diesen Namen auch verdient. In diesem Sinne können wir von den Prärien Nordamerikas mit ihren Bisons und der Serengeti mit ihren Gnus ebenso lernen wie von Pastoralisten – Wanderschäfern und Hirtenvölkern. Aber wie viele Tiere das Dauergrünland bei uns und anderswo unter welchen jahreszeitlichen Bedingungen wie lange verträgt, um weder über- noch unternutzt zu werden, das hängt entscheidend von den lokalen Verhältnissen ab – den Böden und Tierrassen sowie den Temperaturen und der Wasserverfügbarkeit. Deshalb müsste die Politik die ernährungs- und klimarelevante Erforschung der nachhaltigen Nutzung von Dauergrünland und des Beweidungsmanagements mindestens mit soviel Geld und Hirnschmalz fördern, wie den Ackerbau.

 

Leider führen erste Versuche in diese Richtung in die Irre. Um das Potenzial zur Kohlenstoffspeicherung zu untersuchen, wurde in Versuchen auf Ackerböden Gras gesät, mit magerem Ergebnis. Dass diese winzigen Pflänzchen – die oberirdischen Hälmchen ebenso wie ihre filigranen Würzelchen – nur wenig Kohlenstoff speichern, sollte eigentlich nicht verwundern. Die wahren Potenziale zur Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit birgt das Dauer-Grünland, wo es bereits in erheblichem Umfang Biomasse im Boden speichert. An seine Wurzelmasse kann weitere Biomasse quasi angefleischt und dadurch Kohlenstoff aus der Atmosphäre gebunden werden.

 

Auch im Ackerbau muss dem Grünland künftig wieder eine größere Bedeutung – als Bestandteil der Fruchtfolge – zukommen. Dabei steht nicht die Kohlenstoffbindung im Vordergrund, sondern die natürliche Anreicherung von Stickstoff durch Kleegräser. Diese Gründüngung verringert zudem die Bodenerosion und damit den Verlust fruchtbarer Erde und verbessert durch die Wurzeln mehrjähriger Gräser die Bodenstruktur. Inzwischen erfordert auch der Klimawandel, dass Gründüngung auf die politische Agenda gehört, weil die übliche Düngung mit synthetischem Stickstoffdünger den größten Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel provoziert. Denn dabei entsteht Lachgas, das 296 mal so klimaschädlich ist wie CO2. Je verdichteter die Böden sind, desto mehr Lachgas wird gebildet – durchschnittlich zwei bis drei Prozent der Düngermenge. Derzeit gilt für die immer industrialisiertere Landwirtschaft angesichts zunehmender Bodenerosion: „Wir wachsen nicht, wir schrumpfen.“

 

Dem Grünland kommt somit eine vielfältige Funktion für die Ernährungssicherung zu. Zur Begrenzung des Klimawandels, zum Schutz vor Erosion, zur Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit und als Futterressource – insbesondere, aber nicht nur – für Wiederkäuer. Um seine Potenziale zu nutzen und weiterzuentwickeln, bedarf es politischer Rahmenbedingungen, die weit darüber hinaus gehen, Dauergrünland vor Umbruch zu bewahren.

 

Brauchbare Daten mit traurigem Inhalt liegen für Nordamerika vor. Tatsächlich ist dort die Bodenfruchtbarkeit infolge nicht nachhaltiger Nutzung – gerade auch der ehemaligen Prärien – innerhalb von 150 Jahren um 25 bis 30 Prozent gesunken. Diese desaströse Tendenz macht sich auch in anderen Regionen breit, wobei die Daten erst nach und nach verfügbar werden. Klar ist, dass wir nicht so weitermachen können, wie bisher. Entscheidend für das künftige „Wie“ ist eine andere Wahrnehmung, die nicht mit Tunnelblick auf Einzelleistungen fokussiert ist. Der aus humanitären, Tierschutz- und ökologischen Gründen zerstörerische Anbau von Tierfutter muss vom Kopf auf die Füße gestellt und in der Folge der hohe Fleischkonsum drastisch reduziert werden.

 

Statt dem bisherigen irreführenden Wachstumsbegriff zu dienen, benötigen wir generell Daten über die Auswirkungen der Bodennutzung auf die Bodenfruchtbarkeit, um sie zu einem entscheidenden Bewertungskriterium für landwirtschaftliche Systeme zu machen. Das gilt für das Ackerland einschließlich seiner Gründüngung und ebenso für das Dauergrünland. Die künftige Agrarpolitik und -Forschung muss sich auf den Boden-Pflanze-Tier-Komplex und somit auf die Potenziale von Symbiosen und komplexen Systemen konzentrieren und mit dem Wissen des 21. Jahrhunderts die Produktivität(-sentwicklung) von Landschaften in den Fokus nehmen. Auf dass künftig das Gras mitsamt seinen Grasern Wertschätzung als geniale Symbiose erfährt.

 

Dr. Anita Idel ist ausgebildete Tierärztin und Mediatorin. Sie leitet Projekte zur Ökologisierung der Landwirtschaft und führt Mediationen im Spannungsfeld zwischen Landwirtschaft und Naturschutz durch. 2010 erschien ihr Buch: Die Kuh ist kein Klima-Killer, Metropolis Verlag, 2010

Viele Grünlandflächen lassen sich nur mit extensiver Tierhaltung erhalten – hier Feuchtweiden im Donaumoos.

Zwar wird Gras als „schön grün fürs Auge“ aber zusammen mit seinen Grasern wie Rindern und Schafen zunehmend als „wenig produktiv“ wahrgenommen. Darin liegt ein großes Risiko, denn sowohl Umbruch als auch Unternutzung belasten das Klima. Ignoriert werden die Potenziale der weltweiten Grasflächen für die Welternährung und für den Klimaschutz – als gigantische Proteinressource und größter landgestützter Kohlenstoffspeicher.

 

Egal, ob jemand bei der Frage nach „Gras“ lila Schokolade, Burger, Käselaibe oder Golfbälle in den Sinn kommen – alle Assoziationen sind so richtig wie wichtig, wenn man dem Grünland nicht nur auf bzw. unter den Grund gehen, sondern auch das Phänomen verstehen will, warum seine Potenziale für die Welternährung und das Klima seit Jahrzehnten fahrlässig übersehen werden.

Dauergrünland hat im Gegensatz zu einjährigen Kulturen Zeit zur Wurzel- und Humusbildung
(aus: Kutschera, L. Lichtenegger , E. (1982): Wurzelatlas mitteleuropäischer Grünlandpflanzen,

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